Ausstellung

Die Ausstellung „Tetzel und Pirna“ – ab Juni 2023

Jubiläum 25 Jahre Sanierung

Von 1994 bis 2000 wurde das Tetzelhaus aufwändig saniert, und dieses opus magnum konnte im September 1998 feierlich eingeweiht werden, ein Ereignis, das sich 2023 zum 25. Mal jährt. Auch in diesem vergangenen Vierteljahrhundert fanden am Ensemble Tetzelhaus weitere Restaurationen statt, und es wurde im Rahmen von Stadtführungen der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

Ausstellung „Tetzel und Pirna“

Anlässlich des Jubiläums „25 Jahre Sanierung des Tetzelhauses“ wird 2023 eine Ausstellung zum Thema „Tetzel und Pirna“ gezeigt. Bei der Ausstellung wird die Verbindung von Johann Tetzel zu seinem Geburtsort Pirna durch Aquarellbilder der Dresdner Künstlerin Claudia Pinkau visualisiert, die Tetzel in Pirna darstellen. Die Werke basieren auf Recherchen zu Tetzel in Pirna sowie zur Stadt Pirna und dem Tetzelhaus um 1500. Jedes Aquarellbild wird von einem Informationstext begleitet, der das Bild erläutert und Hintergrundwissen zu dem dargestellten Motiv auf der Grundlage von wissenschaftlichen Quellen oder authentischen historischen Lebenszeugnissen von Tetzel anbietet. Die Reproaufnahmen der historischen Dokumente werden den Informationstext flankieren. Ziel ist es somit, vergangene Ereignisse und historische Personen zu rekonstruieren und an einem authentischen Ort darzustellen.

Ausstellungszeitraum

Die Ausstellung wird von Sonntag, 04. Juni bis Freitag, 01. September 2023 in Pirna zu sehen sein. Der Eintritt ist kostenlos.

Wer war Johann Tetzel wirklich?

Der Bezug zwischen dem berühmten Ablassprediger und seiner Geburtsstadt wurde in den letzten Jahrzehnten vermehrt recherchiert, die Ergebnisse wurden in verschiedenen Werken publiziert. Auch wenn die Figur Johann Tetzel immer mehr verblasst, so war der Ablassstreit zwischen Johann Tetzel und Martin Luther in der damaligen Zeit explosiv und eine Zäsur. Denn der Ablasshandel veranlasste Martin Luther dazu, seine 95 Thesen zu verfassen, was ein revolutionärer Umbruch war und letztendlich zur Kirchenspaltung führte. Die Reformation als religiöse, soziale und ökonomische Bewegung war ein historischer Einschnitt und markierte den Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit.

Neben Luther, dem sogenannten Helden der Reformation, wurde Tetzel durch die protestantische Skandalisierung und die folgende polemische Verzerrung mehr und mehr zum Unmenschen und Sündenbock stilisiert, nämlich zum negativ konnotierten Prototyp des päpstlichen Ablasskrämers, der die schlimmsten Auswüchse des Ablasswesens symbolisiert. Auch wenn in der Öffentlichkeit ein „Porträt“ Tetzels bekannt ist, so ist Tetzel eigentlich gesichtslos, denn zu Lebzeiten wurde er nie gemalt. Von Menschen, die geschmäht werden sollten, wurden Spottbilder veröffentlicht, die sie auf unvorteilhafte Weise, beispielsweise auf „schmutzigen Tieren“ wie einem Esel oder einer Sau reitend, darstellen. Weitere Elemente von Spottbildern sind über der zu schmähenden Person kreisendes Ungeziefer, oder ein Bündel Fuchsschwänze in der Hand. Das Bild, welches heute über Tetzel kursiert, entstand um 1600 mit den ersten drei Darstellungen Tetzels in Druckgraphiken auf Einblattdrucken. Es handelt sich um drei ähnliche Spottbilder mit gleichem Motiv, welche von den negativen Attributen, die man ihm zuschreibt, geprägt sind. Als Zeichen der Schmach wird Tetzel auf einem Mischwesen reitend dargestellt. Tetzel wird von Ungeziefer umschwirrt und trägt als Zeichen der Heuchlerei Fuchsschwänze im Arm. In der rechten Hand hält er eine Ablassurkunde. Seit der Veröffentlichung dieser Einblattdrucke wird Tetzel meist ähnlich dargestellt, nämlich als wohlbeleibter, weinseliger Unsympath. Somit stellt sich die Frage, inwieweit die historische Realität mit dem historischen Bild von Johann Tetzel übereinstimmt. Auch das schmiedeeiserne Hängeschild und Logo des Tetzelhauses, welches oberhalb des Eingangsportals angebracht ist, spiegelt dieses negative Zerrbild wider. Das Hängeschild des Tetzelhauses stellt Tetzel auf einem Esel reitend dar, mit einem Ablassbrief in der Hand. Jedoch hat er freundliche Gesichtszüge und wirkt aufgeweckt.

Im Rahmen der Ausstellung wird versucht, ein ausgewogenes Tetzelbild zu kreieren, welches sich von historischen Zeugnissen leiten lässt. Tetzel war zu seiner Zeit im Dominikanerorden sehr angesehen, er war u.a. Prior des Dominikanerklosters Glogau, er erwarb 1509 den theologischen Magistergrad, ab 1516 leitete er als Regens das Ordensstudium im Leipziger Dominikanerkloster, und 1518 promovierte er zum Doktor der Theologie. Tetzel war zu Lebzeiten nicht etwa eine negative Witzfigur, sondern ein ernstzunehmender Theologe, der auch viele theologische Abhandlungen und Predigten verfasste, welche noch heute gelesen und wertfrei analysiert werden können. In einer Zeit starker Sünden- und Todesängste hatten die Menschen ein Bedürfnis nach Gnade und Erbarmung. Über Jahrhunderte hinweg herrschte die Vorstellung, dass zeitliche Sündenstrafen durch Leistungen wie Kreuzzüge oder Pilgerfahrten erlassen werden können. Ab dem Hochmittelalter konnten Gläubige diese Bußwerke auch durch Ablasszahlungen erbringen. Als Ablasskommissar war Johann Tetzel im deutschsprachigen Raum einer der höchsten Vertreter des Papstes.

Bei einer Tetzeltagung in Jüterbog im April 2016 hielt Frank-Walther Steinmeier, damals Bundesminister des Auswärtigen, die Begrüßungsansprache und betonte, wie wichtig es ist, den Ablasshandel als damaliges System der Jenseitsvorsorge zu verstehen. Er hob auch hervor, wie bedeutend es ist, dass „eine differenziertere Sichtweise auf den Ablasshandel und die Reformation erreicht wird“. Diese differenzierte Sichtweise soll im Rahmen der Ausstellung zumindest im Hinblick auf Johann Tetzel, eine der bekanntesten Persönlichkeiten der Reformationszeit, ermöglicht werden.

Bezüge zwischen Johann Tetzel und Pirna (in Auszügen)

Johann Tetzel wurde um 1465 in Pirna in der Tuchmachergasse (so hieß der obere Teil der Schmiedestraße noch bis 1881) im sogenannten Tetzelhaus geboren. Johann Tetzel besuchte die Lateinschule in Pirna und wurde dort vorgebildet. In historischen Dokumenten der Pirnaer Stadtgeschichte tauchen der Familienvater Matthias Tetzel, seine Frau, Johann Tetzel und seine Schwester auf.

Im Mittelalter war die Schreibung sehr uneinheitlich. Wer schreiben konnte, schrieb, wie er sprach. Dies führt auch dazu, dass der Namen einer Person auf vielfältige Art und Weise geschrieben wurde. Johann Tetzel wurde 1482 an der Universität Leipzig mit dem Namen „Iohannes Tetzil“ im Matrikelbuch eingetragen. 1487 ist er an der Universität als Absolvent unter dem Namen „Johannes Thizell“ eingetragen. Selbst unterschrieb er meist mit „Joannes Teczel“ (Bsp.: Brief vom 09.03.1510), oder als „Fr. Joannes Teczel“ (Fr. für frater = Ordensbruder/Mönch).

Nicht nur Tetzel, auch seine Eltern und seine Schwester tauchen in den Chroniken auf. Der Familienvater Matthias Tetzel war Fuhrmann und betrieb zunächst in Pirna, später in Leipzig und dann erneut in Pirna ein Fuhrmannswesen. Im Tetzelhaus haben Hausuntersuchungen ergeben, dass es im östlichen Teil des Erdgeschosses einen Durchgang gab, durch den Pferde und Fuhrwerke in den Innenhof gelangen konnten. Johann Tetzel besuchte in Pirna die Lateinschule, die sich im Dominikanerkloster befand. Bis 1479 lebte die Familie in Pirna und zog dann nach Leipzig, wo Tetzel später studierte und dem Dominikanerorden beitrat. 1503 zog die Familie zurück nach Pirna. In den Kämmereirechnungen von 1479 und 1503 ist Matthias Tetzel verzeichnet, in den Kämmereirechnungen ab 1504 die Tetzlin, seine Witwe. 1516 wurde das Tetzelhaus dann von Tetzels Schwester erworben, die den Kaufhandel des Vaters fortführte: „Die Tetzelyn Ihr Haus von der rosigyn zu lehn 1516 […] und uffgelaßen Ir haws In der tuchmacher gasse gelege, welch die alde tetzelynne In lehen empfange.“ Auch Johann Tetzel kam als erwachsener Mann regelmäßig nach Pirna, was in den Kämmereirechnungen und im Gerichtsbuch der Stadt nachgelesen werden kann. 1508 predigte er vermutlich in Pirna, und mehrmals besuchte er das Dominikanerkloster von Pirna (u.a. 1508, 1515, 1517 und 1518). All diese Bezüge zwischen Tetzel und seiner Geburtsstadt sollen im Rahmen der Ausstellung mit Aquarellzeichnungen und erklärenden Texten veranschaulicht werden.

 

Beitrag verfasst von SchS, Tetzelhaus.

Quellen:

  • CERL Thesaurus (2020): Tetzel, Johannes. Link: https://data.cerl.org/thesaurus/cnp00400712 (Zugriff: 20.11.22).
  • Hamm, Berndt (2017): Das Evangelium des Ablasses und das Evangelium der Reformation: die Geschichte einer erstaunlichen Kohärenz. Schriftenreihe Bibliothek des Deutschen Historischen Instituts in Rom, Band 132.
  • Hamm, Berndt (2017): Johann Tetzel in neuem Licht. Dresden: Qucosa Journals.
  • Hofmann, Reinhold (1893): Reformationsgeschichte der Stadt Pirna. Leipzig: Joh. Ambr. Barth.
  • Kühne, Hartmut/Bünz, Enno/Wiegand, Peter (2017): Johann Tetzel und der Ablass: Begleitband zur Ausstellung »Tetzel – Ablass – Fegefeuer« in Mönchenkloster und Nikolaikirche Jüterbog. Berlin: Lukas-Verlag.
  • Milde, Kurt (1998): Das Tetzelhaus in Pirna. Dresden: Verlag Christoph Hille.
  • Milde, Kurt/Möser, Jörg (2003): Die Bohlenstube des Tetzelhauses in Pirna. Albis.
  • Straube, Matthias (1994): Das Tetzelhaus in Pirna – Schmiedestraße 19, Bau- und Archivforschung. TU Dresden, Seminararbeit.
  • Tetzel, Johann (1510), Brief Tetzels, in: Achtzig Schätze der Städtischen Sammlungen Kamenz, 2018, Michael Imhof Verlag

Bildquellen:

  • Hängeschild: eigene Datei (SchH).
  • Becker, P.A. (o.J.): Postkarte/Kunstdruck „Tetzel auf dem Zuge nach Trebbin“. Standort: Tetzelhaus.
  • Aquarellbild von Claudia Pinkau, 2022: „Pirna 1577: Familie Tetzel in der Bohlenstube“. Standort: Tetzelhaus.

Sonstiges: